Es gibt zumindest Anlass zur Hoffnung

Über die Krise reden wir dann, wenn sie endgültig eingetreten ist. Die österreichischen Skispringer haben in der bisherigen Saison schwer enttäuscht, aber jetzt gilt es, sich auf den ersten Höhepunkt des Winters zu konzentrieren: die Vierschanzentournee. Mit den Qualifikationsergebnissen von gestern geben zumindest Stefan Kraft und Daniel Huber Grund zur Hoffnung, auch wenn wechselnde Bedingungen den Bewerb beeinflussten. Doch genau das macht den Reiz der Tournee aus: Schon in Oberstdorf können Wetterpech oder Windglück das Blatt schneller wenden, als den Favoriten lieb ist.

Grundsätzlich ist in dieser sensiblen Sportart alles möglich: So katapultierte sich 2014 ein gewisser Thomas Diethart, der zuvor in der zweiten Liga mehr schlecht als recht abgeschnitten hatte, zum Gesamtsieger – ein paar Umstellungen beim Material und entsprechendes Coaching änderten kurzfristig alles.

Der ÖSV praktizierte zuletzt zunehmend ein Trainingsverständnis, das vor der erfolgreichen Superadler-Ära zu verorten ist. Dies geschah auf allgemeinen Wunsch vieler Athleten hin, die den Methoden ihrer Jugendzeit nachweinten. Wenn ein Sportler früh erfolgreich ist, glaubt er selbst am besten zu wissen, wie ein gutes Training auszusehen hat. Dasselbe gilt für Trainer, die einst erfolgreiche Sportler waren: Was ihnen damals geholfen hat, soll jetzt für alle das beste Rezept sein. Der Fokus eines ganzen Teams wird damit immer enger und enger und man verliert den Anschluss. Viel wichtiger wäre eine Weitsicht, die über die eigenen, momentanen Bedürfnisse hinausgeht.

Andererseits hatte das ÖSV-Sprungteam immer eine ganz besondere Trainingskultur. Bewährtes vermischte sich mit Neuem, der neugierige Blick über den Tellerrand galt als Erfolgsrezept. Und nicht nur einmal brachte „zurück zu den Wurzeln“ neuen Aufschwung. Das Trainingskonzept von Andreas Felder mag in manchen Teilen zwar „veraltet“ sein, die Technikanpassung fruchtete aber dennoch, sonst hätte es weder beim Sommer-GP noch in Engelberg oder bei der gestrigen Quali weite Sprünge von Kraft und Huber gegeben. 

Natürlich können die ÖSV-Adler heute nicht völlig befreit an den Start gehen, denn alle, Aktive wie Fans, hoffen verzweifelt auf Besserung. Für Stefan Kraft kann es definitiv um den Gesamtsieg gehen, das Potenzial dazu hat er, auch heuer. Für den Rest gilt ehrlicherweise: Nach der Tournee ist vor der WM und egal ob Krise oder nicht – da müssen wir durch.
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Stefan Kraft in Oberstdorf. (Foto: APA)